Oben ohne mal anders

Wie unterschiedlich schön auch Frauen ohne Haare aussehen können, zeigt die Ausstellung „Schönlinge“

Syker-Kurier vom 15.03.2017

VON MARIE LÜHRS

Bei ihrem Pferd findet Lisa Schädler (links) Ablenkung vom Alltag, sie stand in Bassum für Fotografin Ingrid Hagenhenrich Porträt. - Foto: Janina Rahn

Bassum. Unter dem Titel „Schönlinge“ sind ab dem 22. März Aufnahmen von 27 Frauen in den Räumen der Bassumer Volksbank zu sehen. Nicht nur ihr Geschlecht eint die Abgebildeten, auch ein gemeinsames Schicksaal. Sie alle leiden an Alopecia Areata, an kreisrundem Haarausfall.

Mitleidige Blicke sind es, die Lisa Schädler häufig zu spüren bekommt, wenn sie ohne Kopfbedeckung unterwegs ist. Viele Menschen würden mit Blick auf ihr kahles Haupt sofort an eine Chemo-Therapie denken. Die Bassumerin ist eine der Frauen aus Deutschland, Luxemburg und Österreich, die sich für das Fotoprojekt vor die Kamera gewagt haben.

„Was ist schön? Was gehört dazu? Wie verletzlich ist Schönheit?“, um diese Fragen gehe es bei der Ausstellung, erklärt Christine Gaumann, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bassum.

„Man ist trotzdem noch man selbst.“
Lisa Schädler

In Kooperation mit der Volksbank sei die Ausstellung zustande gekommen. „Vom Thema her hat uns das gleich berührt“, begründet Kirstin Högemann die Intention der Volksbank.

Jede der abgelichteten Frauen sei in einem anderen Stadium, erklärt Lisa Schädler. Mit vereinzelten kahlen Stellen auf dem Kopf habe sich die Krankheit in ihrer Jugend bei ihr angekündigt. Für eine kurze Zeit wuchsen die Lücken wieder zu, bis sich ihr Haupthaar endgültig verabschiedete. „Jeder geht damit anders um“, erklärt die 21-Jährige. Obwohl sie auch drei Perücken besitze, gehe sie auch „oben ohne“ vor die Tür. Manche ihrer Gleichgesinnten hätten beim Fotoshooting hingegen erstmals ihre kahlen Köpfe einem Fremden präsentiert.

„Der Anfang war schrecklich“, erinnert sich Lisa Schädler. Ganze Haarbüschel hätte sie nach dem Aufwachen auf ihrem Kopfkissen gefunden, auch beim Duschen fielen sie geradezu in Massen aus. Zunächst dachte sie, sie würde nun wie jede andere Frau ohne Kopfhaar aussehen, doch irgendwann stellte sie fest: „Man ist trotzdem noch man selbst, selbst wenn man zwischen zehn Glatzen steht.“

Damit es ihren Models etwas leichter fiel, sich vor der Kamera zu präsentieren, besuchte Fotografin Ingrid Hagenhenrich sie zuhause. Bei einigen Terminen habe sie ihre Freundin Lisa Haack mitgenommen, erklärt Hagenhenrich, denn die sei selbst betroffen und habe sie überhaupt auf die Idee für das Fotoprojekt gebracht. Manche ihrer Foto- Models seien so erstmals auf eine Gleichgesinnte gestoßen.

Jede Frau ist gleich dreifach in der Ausstellung zu sehen. Auf jeweils einem der Bilder ist auch ein Zitat zu lesen, denn vor dem Shooting habe sie mit jeder Freiwilligen ein ausführliches Gespräch geführt. Besonders eindrucksvolle Ausschnitte daraus sind nun unter den Porträts zu finden. Auch Info-Materialien ergänzen die Ausstellung.

1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden an kreisrundem Haarausfall, weiß die Fotografin. Das Ausmaß, wie die Frauen und Männer betroffen sind, sei allerdings sehr unterschiedlich. Es gebe Erkrankte, die lediglich mit kahlen Stellen zu kämpfen haben, aber auch jene, denen das gesamte Haupthaar oder jegliche Behaarung am Körper abhandengekommen sei. Gerade Frauen hätten es besonders schwer, wenn sie ihre Haare verlieren würden, erklärt Hagenhenrich. Ihnen möchte sie mit ihren Bildern Mut machen. Außerdem solle die Ausstellung die Diskussion anregen und das Thema enttabuisieren. „Es sind so tolle Frauen“, schwärmt Hagenhenrich von ihren Modellen. Auf den Bildern könne nun einjeder ihre Schönheit entdecken, ohne das unangenehme Gefühl jemanden anzustarren.

Wie unterschiedlich die Frauen mit Alopecia Areata aussehen, das können Interessierte ab dem 22. März erfahren. Um 18 Uhr wird die Ausstellung eröffnet. Bürgermeister Christian Porsch werde ebenso dabei sein, wie die Fotografin und Lisa Schädler. Der Bremer Facharzt für Dermatologie, Uwe Schwichtenberg, informiere an diesem Abend über das Krankheitsbild.