Presse-Artikel

Seit 15 Jahren Geld und Gitter

Volksbank Bassum beseitzt ein eigenes Gefängnis / Bundesweit einmalig

Kreiszeitung vom 01.04.2016

Aus dem "Gefängnis" in der Bassum Volksbank heraus entstand dieses Motiv: Die Vorstände Ulrich Greschuchna und Carl-Ludwig Behrens betrachten eines der Original-Gitter der eininstigen Arrest-Zellen (heute ein Veranstaltungsraum). Foto: Heinfried Husmann

von Anke Seidel

BASSUM - Wenn diese Gitter erzählen könnten: Jugendliche Straftäter haben hinter ihnen gesessen, Alkoholsünder und mit großer Wahrscheinlichkeit auch Einbrecher. Ob dort auch Menschen einsitzen mussten, die ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten, ist nicht überliefert. Aber Fakt ist, dass Geld in den ehemaligen Arrestzellen des Bassumer Amtsgerichts heute eine entscheidende Rolle spielt – auf den Tag genau seit 15 Jahren. Denn im ehemaligen Amtsgericht hat seit dieser Zeit die Volksbank Bassum, Stuhr, Syke, Weyhe ihren Hauptsitz. Bundesweit ist sie die einzige Bank mit eigenem Gefängnis.

Schon im Mittelalter stand an der Stelle des heutigen Bankgebäudes ein Haus, das zum Ensemble der damaligen Burg – heute Freudenburg genannt – gehörte. Alte Merianstiche belegen das. Im inneren Burghof stand ein Gefangenenhaus. Dort traktierte man die unglücklichen Insassen offenbar mit einer eisernen Haube. Wer Glück hatte, musste nur Handfessel mit Trageklotz erdulden. Diese Relikte des mittelalterlichen Strafvollzugs kamen 1937 beim Abriss des Hauses ans Tageslicht. Sie wurden damals dem Museum in Nienburg übergeben.

77 Jahre zuvor war direkt nebenan ein Neubau entstanden: das Amtsgericht. 1859, sieben Jahre nach der Trennung von Justiz und Verwaltung, brauchten das Amt und das Amtsgericht Freudenberg mehr Raum. Deshalb entstand 1860 der Amtsgerichts-Neubau. 138 Jahre diente er der Justiz. Nach der Zentralisierung des Amtsgerichts in Syke erwarb die Volksbank das unter Denkmalschutz stehende Gerichtsgebäude – inklusive der zehn Gefängniszellen. Eine davon im Keller ist noch heute im Originalzustand durch eine Glasbodenplatte zu sehen.

An die anderen Zellen im Obergeschoss erinnern die Original-Fenstergitter. Aus dem Gefängnis ist jedoch ein Veranstaltungsraum geworden. Was geblieben ist, sind die Erinnerungen an das längst vergangene Leben darin. 1972 war darüber in der Zeitung zu lesen: „Insgesamt verfügt das Amtsgericht über zehn Gefängniszellen. Acht davon sind belegt durch alte Akten und Luftschutzeinrichtungen.“ Deshalb wurde erwogen, zwei weitere Arrestzellen im Amtsgericht Bassum einzurichten. Genutzt wurden sie offenbar fleißig. Denn ein Zeitungsbericht aus dem Jahr 1973 belegt: „Im ,Kittchen’ sind bald wieder Zimmer übers Wochenende frei. In einem Jahr verbüßten 34 Jugendliche in Bassum 66 Wochenend-Freizeitarreste.“

Ihre Kost fiel damals völlig anders aus, als Jugendliche sich das heute vorstellen können. Denn statt Pizza oder Spaghetti gab es trockenes Brot mit Malzkaffee. Das war in einer Vorschrift des Justizministeriums strengstens geregelt. Sonntags erhielten die Insassen eine „kräftige Suppe“, ordnete das Justizministerium in dem Papier an.

Wie karg die Ausstattung war, beschrieb ein Zeitungsbericht 1982: „Ein Blick in die Zellen zeigt, dass es wahrlich kein Vergnügen ist, hier sein Wochenende zu verbringen. In den Zellen befinden sich ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch und eine tragbare Toilette. Nur zum Waschen und Essen können die Zellen verlassen werden.“ Recht sprachen die Richter am Amtsgericht seinerzeit in einem großen, mit hellem Parkett ausgelegten Saal – nicht selten vor Bürgern und der Presse, die auf den hellen Holzbänken im Zuhörerraum mit den großen Bogenfenstern (mit Blick auf die Bundesstraße) Platz nahmen. Den Richter konnten sie unschwer erkennen: Er saß deutlich höher als Staatsanwalt und Verteidiger zu seinen beiden Seiten. Eine Gerichtsschreiberin stenografierte den Verlauf der Verhandlung  auf Papier – darunter manchmal Kuriositäten.

So hatten einmal die Inhaltsstoffe einer Eutersalbe für ein Strafverfahren gesorgt. Sie waren nachweislich völlig ungefährlich. Juristisch problematisch war die Deklaration. Nicht selten ging der Richter mit Verkehrssündern scharf ins Gericht – genauso mit Umweltsündern, wenn sie mangels zentraler Kläranlage das in Drei-Kammer-Gruben geklärte Abwasser in den Graben leiteten.

Dort, wo einst die Urteile gefällt wurden, residiert heute der Volksbank-Vorstand.